16/09/2026 0 Kommentare
Zeitreise im Fachwerkhaus
Zeitreise im Fachwerkhaus
# Museum

Zeitreise im Fachwerkhaus
Die Geschichte Spandaus neu entdecken
Wer das Kirchenmuseum Spandovia Sacra am Reformationsplatz 12 betritt, begibt sich auf eine faszinierende Zeitreise in zweifacher Hinsicht. Da ist zum einen die beeindruckende "Hardware": ein historisches Fachwerkhaus, dessen Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. Zum anderen überrascht die lebendige "Software" im Inneren. Dazu gehören das Museumscafé, Konzerte unterm Dach, die historische Kirchenbibliothek und die Ausstellungen.
Vom Burgwall zur Altstadtinsel
Die Ausstellung "Nicht nur auf Sand gebaut. Geschichte(n) von Kirche und Stadt" im größeren der beiden Schauräume lädt zu einer Entdeckungstour ein. Sie beginnt mit der ersten bekannten Kirche im heutigen Spandau, einer kleinen hölzernen Saalkirche auf dem Spandauer Burgwall aus dem Jahr 980. Im späten 12. Jahrhundert kamen auf der Altstadtinsel die Kirchen St. Nikolai und St. Moritz hinzu.
Der Funke der Reformation
In St. Nikolai vollzog sich am 1. November 1539 ein historischer Wendepunkt: Der Übertritt des Kurfürsten Joachim II. zum evangelischen Bekenntnis besiegelte die Reformation im Land Brandenburg. Seitdem feiert Spandau dieses Ereignis regelmäßig mit großen Jubiläen. Die Ausstellung präsentiert passend dazu Kunstschätze aus fünf Jahrhunderten, die an dieses wegweisende Ereignis erinnern.
Kriegswirren und neue Denker
Die Wirren der Reformationszeit konnten zunächst durch den Augsburger Religionsfrieden (1555) beendet werden, doch mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) brachen die Konflikte umso heftiger aus. Spandau war stark betroffen, wie die Ausstellung mit eindrucksvollen Originalen aus dem Kirchenarchiv zeigt. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts stabilisierte sich die Lage, und der Weg für Aufklärung, Philosophie und Naturwissenschaften war geebnet. Die Bücher der Spandauer Kirchenbibliothek zeugen von diesem geistigen Aufbruch.
Aufbruch in die Moderne
Der Weg in die Moderne war geprägt vom Erstarken des Bürgertums, von Nationenbildung, Demokratisierung und Imperialismus. Ein prominenter Zeuge dieses Wandels war Theodor Fontane. Seine Tante lebte mit ihrer Familie in Spandau und gehörte der reformierten Gemeinde an. Diese Verbindung nimmt die Ausstellung zum Anlass, das Leben jener Zeit durch historische Fotos und rare Archivalien lebendig werden zu lassen.
Das bewegte 20. Jahrhundert
Auch der Erste Weltkrieg, die NS-Diktatur und der Zweite Weltkrieg hinterließen tiefe Spuren in Spandau und das Kirchenarchiv gibt Zeugnis davon. Nach 1945 verbanden sich die Erfahrungen des Kirchenkampfes mit neuen Reformkonzepten. In diesem Kontext werden prägende Persönlichkeiten wie die Pfarrer Martin Albertz (1882–1956) und Ernst Lange (1927–1974) porträtiert. Der historische Bogen schließt mit dem Epochenjahr 1989: dem 450. Reformationsjubiläum und dem Fall der Berliner Mauer.
Geschichte hautnah erleben
Hinter jedem Exponat dieser dicht gewebten Ausstellung verbirgt sich eine packende Geschichte. Entdecken Sie sie bei einer der regelmäßigen Führungen oder ganz entspannt auf eigene Faust. Ausführliche Begleittexte und Sitzgelegenheiten laden dazu ein, in Ruhe in die Historie einzutauchen. Ein Blick in die aktuelle Kirchenzeitung schlägt schließlich die Brücke ins Hier und Jetzt. Das Museumsteam freut sich auf Ihren Besuch!
Sabine Müller, Museumsleiterin
(Der Artikel erschien zuerst im Gemeindebrief St. Nikolai, Herbstausgabe 2026, September bis November, S. 14 und 15.)
Kommentare