Grabplatte für Wolfgang Schneider, 1603

Grabplatte für Wolfgang Schneider, 1603

Grabplatte für Wolfgang Schneider, 1603

# Museum

Grabplatte für Wolfgang Schneider, 1603

In der Spandauer St.-Nikolai-Kirche befinden sich 18 Gedächtnismale, die an Verstorbene erinnern. Aus der großen Anzahl der ehemals vorhandenen Kunstwerke sind diese zufällig erhalten geblieben. Sie stammen nicht nur von Gräbern in der St.-Nikolai-Kirche, sondern auch von anderen Kirchen und Friedhöfen. Sie sind aus Holz, Stein oder Metall gefertigt und erinnern an Pfarrer, Bürgermeister, Spandauer Bürger und Bürgerinnen sowie adlige Militärangehörige, die auf der Zitadelle ihren Dienst taten und in der Spandauer Kirche beerdigt wurden.

Der Rundgang beginnt im Haupteingang und führt Sie im Uhrzeigersinn links herum durch das nördliche Seitenschiff, den Chorraum hinter dem Altar und das südliche Seitenschiff wieder zum Ausgang zurück.

Im Folgenden wird vorgestellt (Nr. 18 und somit Abschluss des Rundgangs):

Grabplatte für Wolfgang Schneider, 1603

Lage: Unter der Orgelempore an der Westwand, rechts neben dem Eingang ins Kirchenschiff. Maße: H 205cm, B 110cm, T 23cm (bis zur Wand). Material: Kalkstein.

Beschreibung: Lebensgroße, im Flachrelief gestaltete Figur eines dicken Mannes, der in einer zentralperspektivisch überzeichneten Nische mit geschwungener, volutengeschmückter Kalotte steht. Der Dargestellte trägt ein enganliegendes, mit 18 Knöpfen geschmücktes Wams mit kurzem Schößchen, das unten durch einen schmalen Gürtel mit Haken und Öse gehalten wird und eine Pluderhose, die oberhalb des Knies endet. Die Füße stecken in geschlossenen Galoschen. Der halblange Mantel hat einen hohen Stehkragen.

Der von einem Rüschenkragen umrahmte, runde Kopf ist ins Dreiviertelprofil gewendet; das volle Gesicht mit kräftiger Nase, großen Augen unter dichten Brauen, Schnurr- und kurzem Spitzbart, blickt ernst. Die linke Hand hält ein langes Schwert, das hinter dem linken Fuß auf dem Boden steht. Die Rechte mit ringgeschmückten Fingern liegt auf dem Leib.Der lädierte rechte Zeigefinger weist den sehr realistisch Dargestellten als häufigen Armbrustschützen aus.

An einem zweiten Gürtel, der anscheinend (nicht sichtbar) über die linke Schulter herabhängt und mit einer Schnalle verschlossen ist, hängt in Höhe des rechten Oberschenkels ein Dolch. Außerdem hängen an dem Gürtel noch sechs Ringe.

Ein flacher Rahmen enthält im Fries die vollständig umlaufende Inschrift in Majuskeln, wobei die Schrift im Uhrzeigersinn von links nach rechts (oben), von oben nach unten (rechts), von rechts nach links auf dem Kopf stehend (unten) und von unten nach oben (links) zu lesen ist.

Zustand: Die Grabplatte wird von je zwei seitlichen Eisenklammern gehalten. Der Rand ist zum Teil beschädigt. Die Seiten und die Oberkante sind glatt verputzt.  

Inschrift:
AO 1603 DEN 28 APRILL: IST DER
EHRNVESTER VND WOLGEACHTER WOLFFGANG SCHNEIDER WEIL
AND CHVRF: BRAND. 26 IAERGER LAND
REVTER ZV SPANDAW IN GOTT SELIG ENTSCHLAFFEN AETAT: 65. D.S.G.G.  

Zur Person: Der Landreiter war ein Beamter im Dienst des Landesherren. 1599 ließ Kurfürst Joachim Friedrich (1546–1608) die Mittelmark (ursprüngliches Kerngebiet der Mark Brandenburg) in sechs Landreiterbezirke, so genannte Beritte, teilen. Die Landreiter sicherten die Straßen, hatten Befugnisse zum Einzug von Steuern und anderen Abgaben, überbrachten Briefe, Nachrichten, Befehle oder mündliche Botschaften. Wenn kein Vogt vorhanden war, übten sie die Polizeigewalt aus.

Wolffgang Schneider (1538–1603) übte 26 Jahre das Amt des Landreiters unter den Kurfürsten Johann Georg (1525–1598) und Joachim Friedrich aus.

geboren 1537/38

verheiratet mit Anna Meissner (wahrscheinlich Schwester von Kirchenvorsteher Benedict Meissner)

gestorben am 28.4.1603

Ihm und seiner Frau Anna Meißners und seiner Schwester Eva Schneidern, die 1612 an der Pest gestorben, zum Andenken, haben seine drey (eigentlich vier, vgl. unten) Söhne Benedict, Tobias u. Daniel, die Schneidere, 50 thlr. beym Rath zu 6 pro cent ausgethan, wovon die Kirche auf Jacobi die Zinsen haben u. sie am Tage nach Annae nach einer gewissen Vorschrift unter die Kirchen- u. Schul-Bedienten, Hospitaliten, Hauß Armen, Currendaner u. dem distribuenten vertheilen sollte. Weil es am Tage Annae vertheilt werden sollte, wurde es das Annen Geld geheißen. Das Consistorium schrieb damals an den Land Reuter: Ehrbarer, Wohlgeachteter, Guter Gönner u. Freund! (Schulze I, S. 553) 

Wolff Schneiders legat. Die Söhne Wolff Schneiders, Churfürstl. Land Reuters hieselbst, der 1603 hier gestorben u. in dem Gange nach der Sacristey unter einer Thüre in Stein ausgehauen ist, Benedictus, Tobias u. Daniel, verehrten 1603 (!) zum Gedächtnis ihres seel. Vaters, ihrer Mutter Anna Meisners u. ihres Vaters Schwester Eva Schneidern, die 1612 an der Pest entschlaffen, 50 Thlr., beym Rath zu 6 pro cent zinsbar, an die Kirche, wovon diese jährlich auf Jacobi die Zinsen heben u. am Tage Annae so sie vertheilen sollte, daß pastor 8 gr., jeder Caplan 6 gr. (also beyde 12 gr.), rector 4 gr., conrector 3 gr., cantor 3 gr., tertianus 1 gr. 6 Sch., der distribuent 3 gr., die Hauß Armen 12 gr., die Hospital Leute 12 gr. u. die currendaner 12 gr. haben sollten. Sollte der Rath darinn nachlässig seyn u. die Zinsen nicht auf den Tag geben; so sollten die Vorsteher Vollmacht haben, die Haupt Summa anderwärts auszuleihen. Weil das Geld am Tage Annae vertheilt werden sollte, wurde es das Annen Geld geheißen. (1708 wurden die aufgelaufenen Zinsen, 66 Thlr., cassiret.) (Schulze I, S. 395)

Schneider wohnt im Gebiet der „Freiheit 1“, wo kurfürstliche Beamte wohnen. (Schulze I, S. 500)

Von den Land Reutern: …

1591 Wolff Schneider. Doch kommt auch noch zu seiner Leb Zeit 1600 Melchior Hornick als Land Reuter vor. 1603 starb der Landreuter Wolff Schneider wofür die Kirche 4 Thlr. 12 gr. erhielt. Er ist im Gange nach der Sacristey unter einer Thüre in Stein gehauen, fast in Römischen Habit, in Lebens Grösse. Seine Bildung ist ganz ehrwürdig. (Schulze I, S. 553)

1591 In diesem Jahr musste auf Befehl Georgens von Ribbeck am Dienstage nach trinitatis der Land Reuter Wolff Schneider die Kiezer u. Pichelsdorfer u. die vom Streesow examiniren und verhören wegen der Freyheit hinter dem Streesow, neben der Spree gelegen: ob ein Rath zu Spandow jemals ihre Stut- und Nacht Wache daselbst gehalten u. gehütet haben? u. sagten obgemeldte Dörfer alle einmüthiglich, daß E. Ehrbar Rath keineswegs mit der Stut- u. Nacht Wache darauf gehütet; daß sie also davon abstehen müssen. (Schulze II, S. 103)

1613 vermachten Wolff Schneiders, gewesenen Land Reuters hieselbst hinterlassene Söhne Johann, Benedict, Tobias und Daniel zum Gedächtniß ihrer in der Pest verstorbenen Mutter, Anna Meisnern, 50 Thlr., welche unablößlich zu Rathhause belegt u. jährlich mit 3 Thlrn. verzinset werden sollten. Von diesen 3 Thlrn. sollten Pastor 8 gr., Beyde Diaconi 12 gr., Rector 4 gr., Conrector 3 gr., Cantor 3 gr., Tertianus 1 gr. 6 Sch., Custos 1 gr. 6 Sch., die hospitaliten 12 gr., die Hauß Armen 12 gr., die Currendaner 12 gr., der Vorsteher wegen der Austheilung 3 gr. haben. Diese Vertheilung sollte am Tage Anna geschehen; daher das Geld das Annen Geld heißt. (U. 192.)     (Schulze II, S. 143)

Anmerkungen:
D.S.G.G. bedeutet „Des Seele Gott Gnade“. Die Inschrift wurde von Peter Lietzke und Rainer Paasch, zwei Mitgliedern der Museumsgruppe St. Nikolai, am 9. Februar 2009 vom Epitaph abgeschrieben.

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