500 Jahre Rocco Guerrini Conte di Linari​

500 Jahre Rocco Guerrini Conte di Linari​

500 Jahre Rocco Guerrini Conte di Linari​

# Museum

500 Jahre Rocco Guerrini Conte di Linari​

Der einäugige Graf
Rochus Graf zu Lynar wurde vor 500 Jahren geboren
 

Blickfang in unserer St.-Nikolai-Kirche ist der prächtige Steinaltar, den der Italiener Rocco Guerrini Conte di Linari (Rochus Quirinus Graf zu Lynar) und seine französische Gattin Anne de Montot 1581/82 der Spandauer Gemeinde stifteten. Unter dem Altar ließ sich die Familie ein Erbbegräbnis errichten, die bildreiche Altarrückwand ist so gleichermaßen ein riesiger Grabstein. Theodor Fontane besichtigte das Kunstwerk im Dezember 1869. Für seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ notierte er: „Die Einwirkungen der italienischen Kunstformen sind unverkennbar.“  

Italien
Ein abenteuerlicher Lebensweg führte Rochus Graf zu Lynar nach Spandau. Am 24. Dezember 1525 wurde er im toskanischen Marradi geboren. Seine Eltern waren Lucrezia di Banderelli und Giambattista Guerrini, der als General in den Diensten Kaisers Karl V. stand. Rochus wurde am Hof des Großherzogs Alessandro de’ Medici erzogen und lernte so das reiche Florenz der Renaissance kennen. Der Junge war keine zehn Jahre alt, als er seinen Vater auf einem Feldzug nach Tunis begleitete. 1540 fiel Giambattista Guerrini einer Blutfehde zum Opfer. Sein Sohn floh zwei Jahre später nach Frankreich. Dort hatte Caterina de’ Medici den Sohn des Königs geheiratet.  

Frankreich
Rochus wurde höfischer Kammerjunker. Schon bald fielen seine technische Begabung und sein Interesse für die Ingenieurskunst auf. Er stieg schnell zum Generalinspekteur aller französischen Festungen auf. Als Offizier nahm er an mehreren Schlachten teil und verlor dabei 1558 sein linkes Auge. Um 1560 entschied sich Rochus gegen die katholische Konfession, der er bislang angehörte, und wurde calvinistischer Protestant (Hugenotte). Die Hugenottenkriege tobten bereits seit zwei Jahren, als Rochus 1564 die burgundische Adlige Anne de Montot heiratete. 1568 floh das Paar aus dem katholischen Frankreich in evangelische Länder, zunächst in die Pfalz, dann nach Hessen, Anhalt und Sachsen; überall arbeitete Rochus als Festungsbaumeister. Quasi unterwegs wurden die Kinder geboren: Anna, Johann Casimir, August, Elisabeth und Anna Sabina.  

Spandau
Der brandenburgische Kurfürst Johann Georg, Sohn und Nachfolger von Joachim II., holte Rochus Graf zu Lynar 1578 in die Mark Brandenburg und übertrug ihm die Leitung der Arbeiten an der Spandauer Zitadelle. Rochus wirkte als Baumeister u.a. in Küstrin, Peitz, Berlin und Senftenberg. Die Lynars bewohnten ein großes Haus in Spandau, das ihnen der Kurfürst geschenkt hatte. Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau Anne im Jahr 1585 heiratete Rochus die Brandenburgerin Margarethe von Termow. Der gemeinsame Sohn wurde kein Jahr alt. Am 22. Dezember 1596 starb Rochus Graf zu Lynar in Spandau und wurde mit einem Staatsbegräbnis in der St.-Nikolai-Kirche beigesetzt. Auf seinem Grabmal ist er mit Anne und ihren Kindern verewigt. Die Familie nimmt betend am letzten Abendmahl teil. Und wer sitzt auf dem Abendmahlsbild direkt neben Jesus? Martin Luther und Philipp Melanchthon! Das ist ein starkes Bekenntnis zu den Wittenberger Reformatoren. Übrigens: Die Nachkommen von Anne und Rochus leben heute in Lübbenau/Spreewald.

Sabine Müller
(Dieser Artikel erschien zuerst im Gemeindebrief St. Nikolai März - Mai 2026)

Dies könnte Sie auch interessieren

0
Feed

  Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai   ·   Havelstraße 16, 13597 Berlin       (030) 322 944-555       gemeindebuero@nikolai-spandau.de