Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Palmsonntag 2020

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Veröffentlicht am Fr., 3. Apr. 2020 20:25 Uhr
Kirchengemeinde

Als Kirche in Spandau sind wir nicht alleine Kirche - deshalb lesen Sie hier das Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Palmsonntag:


„Christus ist gestorben für unsere Sünden nach der Schrift und ist am dritten Tage auferweckt worden von den Toten.“  (1. Korinther 15)

In diesen Tagen bereitet sich die Christenheit auf das Gedenken des Leidens und Sterbens Jesu Christi und auf das Fest seiner Auferstehung vor. Auf diesem Weg vom Leiden über den Tod zur Auferstehung liegt das Geheimnis unserer Erlösung begründet. Wir glauben, dass der Tod niemals das letzte Wort hat. Aus jeder Krise gibt es einen Weg zu neuem Leben. Am Ende unseres Lebens fallen wir nicht ins Nichts, sondern in Gottes barmherzige Hände. Von dieser Hoffnung ist unser Leben getragen, daraus schöpfen wir unsere Zuversicht.

In diesem Jahr trifft diese frohe Botschaft mitten hinein in eine Welt, die durch die Ausbreitung des Corona-Virus erschüttert wird.  Als Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bewegt uns die Wahrheit dieser Botschaft und lässt uns mit Sorge, aber auch mit großer Hoffnung auf das Leben und Leiden unserer Zeit blicken. Die Zusage der Erlösung von Leid und Tod gilt allen Geschöpfen Gottes, jedem einzelnen Menschen überall auf der Welt. Mit diesem Blick schauen wir auf die Gemeinschaft der Völker und auf unser eigenes Land. 

Der Rat der EKD sieht dankbar auf die große Bereitschaft, in dieser herausfordernden Zeit zusammenzuhalten, sich an den zur Eindämmung der Verbreitung des Virus erforderlichen Maßnahmen zu beteiligen und sich zugleich für den Fortbestand der lebensnotwendigen Infrastruktur und den Erhalt von Mitmenschlichkeit einzusetzen. Unser Dank gilt allen, die in den medizinischen und pflegerischen Berufen tätig sind und sich, teilweise unter Gefährdung ihrer eigenen Gesundheit, um Kranke und Hilfsbedürftige kümmern. Unser Dank gilt ebenso allen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und dafür sorgen, dass trotz der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens die Grundversorgung gewährleistet ist: Den Verkäuferinnen und Verkäufern; den in den Verkehrsbetrieben in Bus und Bahn Beschäftigten; denen, die in der Versorgung mit Wasser und Strom und der Entsorgung und Reinigung arbeiten; denen, die die digitale Infrastruktur aufrechterhalten, von der gerade jetzt die Kommunikation abhängt; denen, die in den Medien für verlässliche Information und Unterhaltung sorgen, und den vielen anderen, die trotz Einschränkungen und eigener Sorgen ihre Arbeit tun und für andere da sind. 

Unser Dank gilt auch der Politik, die durch starke und zugleich besonnene Maßnahmen den Erhalt der öffentlichen Ordnung gewährleistet, das Gesundheitssystem unter hohem Druck ausbaut und wirtschaftliche Unterstützungsmaßnahmen in einem beispiellosen Umfang beschlossen hat. Die letzten Wochen haben gezeigt, wie entschieden ein demokratisches politisches System und eine offene Gesellschaft in der Lage sind, mit einer alle Bereiche des Lebens ergreifenden Krise umzugehen. 

Der Rat der EKD sieht aber auch die Sorgen, die die Menschen umtreiben: Wie werden Schritte zu einer neuen Normalität möglich sein? Was wird dann mit meinem Arbeitsplatz oder meinem Unternehmen sein? Die wirtschaftliche und berufliche Existenzangst vieler Menschen ist begründet und erfordert politischen, aber auch seelsorglichen Beistand. Die Schließung der Kindertagesstätten und Schulen ist für Familien eine zunehmende Herausforderung. Einen epidemiologisch vertretbaren Weg zu ihrer Wiederöffnung zu finden, ist eine vordringliche Aufgabe. Und nicht zuletzt sehen wir die Ängste und Nöte derer, die im Gesundheitswesen arbeiten und derer, die krank, alt oder sonst besonders verletzlich sind. Die Menschlichkeit einer Gesellschaft erweist sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. 

Gottesdienste gehören für die Mitglieder des Rates der EKD wie für viele Menschen zu den notwendigen Gütern ihres Lebens. Die Möglichkeit, frei und öffentlich Gottesdienste zu feiern, ist ein Grundrecht, das nur unter äußersten Bedingungen und zeitlich streng befristet eingeschränkt werden darf. Der Rat dankt allen, die in diesen Tagen eine Fülle von Formaten der Verkündigung der christlichen Botschaft entwickeln, die an die Stelle der gewohnten Form der Gottesdienste treten können. Wir danken allen, die sich in den Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen dafür einsetzen, dass in unseren Kirchen Seelsorge und diakonische Hilfe geschieht und Nachbarschaftshilfe organisiert wird. Es ist beeindruckend, wie mit Glaubenszuversicht, Herz, Phantasie und Sachverstand neue Ideen entwickelt und umgesetzt werden. Der Rat der EKD dankt allen haupt- und ehrenamtlich in den Kirchen und der Diakonie Tätigen für ihr Zeugnis des Glaubens! Die Stimme des Evangeliums wird auf diese Weise in Wort und Tat weiter verkündet!

Zur Stimme des Evangeliums gehört der Beistand für die Schwächsten, für Kranke, Alte, Sterbende und ihre Angehörigen. Der Rat dankt allen, die die Seelsorge weiter aufrechterhalten, unter erschwerten Bedingungen Menschen begleiten, Trauerfeiern unter starken Einschränkungen und dennoch in Würde gestalten. Der Rat sieht aber auch, dass gerade jetzt die seelsorgliche Arbeit von großer Bedeutung ist. Er fordert deshalb, dass die Notwendigkeit dieser seelsorglichen Arbeit noch stärker gesehen und dass das Engagement der zahllosen Haupt- und Ehrenamtlichen durch die Bereitstellung von Schutzmaterial und durch Regelungen unterstützt wird, die den einzelnen Menschen nicht aus dem Blick verlieren und beispielsweise Sterbebegleitung ermöglichen. Wie menschlich wir nach der Krise zusammenleben, entscheidet sich auch daran, ob es in der Krise gelingt, human zu bleiben und den Schwächsten beizustehen. 

Die Politik wird vor der Aufgabe stehen, zwischen den volkswirtschaftlichen Folgen und der Belastbarkeit des Gesundheitssystems abzuwägen. Wir rufen die politisch Verantwortlichen auf, weiterhin Augenmaß und Besonnenheit zu zeigen. Ziel muss sein, das Leben möglichst vieler Menschen zu erhalten und die Kranken, wo nötig, palliativ zu versorgen. Gleichzeitig müssen das öffentliche und das wirtschaftliche Leben schrittweise wieder aufgenommen werden. Beides muss sorgsam ausbalanciert werden, die Rettung von Menschenleben muss aber immer der leitende Gesichtspunkt sein. Trotz aller Sorgfalt der Entscheidungen wird es niemanden geben, dem nicht Verzicht oder Einschränkungen abverlangt werden. Um diese Belastungen durchzustehen, braucht es eine große Solidarität untereinander.

Der Blick beschränkt sich aber nicht auf Deutschland oder auf die eigenen Nöte. Die Pandemie trifft die meisten Länder dieser Welt ungleich härter, weil sie gesellschaftlich weniger stabil, wirtschaftlich nicht so stark sind und ein erheblich schlechter ausgebautes oder gar kein funktionierendes Gesundheitswesen haben. In Ländern, die ohnehin von Hunger, Dürre und anderen Naturkatastrophen oder von Krieg und Bürgerkrieg betroffen sind, kann die Ausbreitung des Corona-Virus zu einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes werden. Hinter den Hilfsmaßnahmen im eigenen Land dürfen die notwendigen und umso dringlicheren entwicklungspolitischen Maßnahmen und Initiativen nicht zurückstehen. Auch die Aufnahme von Flüchtlingen darf gerade in dieser Zeit nicht ausgesetzt werden. Die Pandemie ist nur in der Solidarität der Völkergemeinschaft in den Vereinten Nationen zu bewältigen. Dazu hat auch die Europäische Union ihren Beitrag zu leisten. Ihre Institutionen und ihr Wille zum gemeinsamen Handeln dürfen in dieser Krise nicht geschwächt werden, sondern sind die Voraussetzung zur Bewältigung der Krise in Europa und in weltweiter Verantwortung. Die Aufnahme am Corona-Virus Erkrankter in Deutschland aus europäischen Nachbarländern ist ein kleines, aber wichtiges Zeichen, gerade jetzt den Zusammenhalt über nationale Grenzen hinaus zu stärken. Die Kirchen leisten dazu ihren Beitrag, indem sie mit ihren Schwesterkirchen auf der ganzen Welt im Glauben, in der Fürbitte und in der tätigen Hilfe durch Projekte gegen den Hunger und zur Bewältigung von Katastrophen verbunden sind. Dieses Netzwerk des Glaubens ist gerade jetzt ein Schatz zur Stärkung der internationalen Solidarität. 

Dass heute ein neues Gefühl des Zusammenhaltens entsteht, dass neuer Respekt und gelebte Solidarität für den Nächsten unter uns sichtbar werden, auch unter Menschen, die sich bisher kaum kannten – das alles stärkt unsere Zuversicht. Wenn wir uns diese Haltung bewahren, und wenn wir unsere Kraft aus der Quelle schöpfen, die größer ist als unser menschliches Vermögen, dann werden wir auch die Herausforderungen bewältigen, die sich nach der Eindämmung der Gefährdung durch das Virus stellen werden.

Die Glocken der Kirchen rufen zu Gottesdienst und Gebet. Das werden sie auch in diesem Jahr am Karfreitag und am Ostertag tun, auch wenn in unseren Kirchen keine Gottesdienste gefeiert werden können. Die Krise ist nicht vorbei. Aber der Weg von Karfreitag auf Ostern zu erzählt von der Hoffnung unserer Erlösung und von Gottes Zusage, uns Menschen vom Tod zum Leben zu führen. Deshalb soll gerade in diesem Jahr die Botschaft von der Auferstehung des Lebens mit aller Zuversicht des Glaubens verbreitet werden, wenn es wie in jedem Jahr am Ostermorgen heißt: Christ ist erstanden!

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