Lesepredigt von Bischof Stäblein

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Veröffentlicht von Björn Borrmann am Mo., 30. Mär. 2020 17:10 Uhr
Gottesdienste

Am Sonntag predigte Bischof Christian Stäblein im Fernsehgottesdienst im rbb. Hier für Sie seine wunderbare Predigt zum Nachlesen - und zum Nachschauen der Gottesdienst in der rbb Mediathek.


Predigt im Rahmen des Fernsehgottesdienstes am Sonntag Judika/ 29.3.2020in der Kirche Maria Regina Martyrum – Biblischer Text: Johannes 11 (in Auswahl)Prediger: Christian Stäblein, Bischof, EKBO

Der Friede Gottes sei mit Ihnen allen - wo auch immer Sie sind! Amen.

Am Ende der Geschichte liegen da die Mullbinden, Verbände, quasi auf einem Haufen, ge-löst, blut- oder dreckverschmiert, gerade noch zum Bedecken benötigt, werden jetzt nicht mehr gebraucht, können weg, Tod lässt verschwinden, darum der Leichnam unter Tüchern. Krankheit macht bewegungslos, darum die Binden. Kann weg, beides, Lazarus kann wieder gehen, lasst ihn gehen heißt es in der Geschichte aus dem Johannesevangelium, die Binden sind gelöst. Das ist das Ende, und es ist ein großes Versprechen, dass das Ende so ist. Das ist die große Hoffnung auf den Intensivstationen in dieser Zeit - überall: Die lebensnotwendigen Schläuche wieder raus, die Apparate zur Seite gefahren, die Intubation entfernt, wieder gehen, nach Hause, „alles Gute, bleiben sie behütet“. Die große Hoffnung: am Ende der Zeit werde es so sein. Und vorher?

Brauchen wir die Verbände, die Binden, die Mittel um zu helfen, zu lindern, zu stützen, aber ja, brauchen die Tücher – auch zum Auffangen, zum Trocknen der Tränen. Maria weint, die Schwester des Lazarus weint, und als Jesus das sieht, kommt er, weint mit. Das ist das erste, was die Geschichte aus dem Evangelium heute erzählt: Jesus weint mit. Um den daniederlie-genden, um den verstorbenen Bruder von Maria. Da braucht man keine großen Brücken erst zu bauen zwischen der Geschichte und heute, da sind wir doch mitten drin mit unserem Erle-ben. Täglich neue Infizierte und Tote, die Zahlen steigen, in Deutschland, aus Italien hören wir von 1000 Toten am Tag. Wir hören das Weinen. Und spüren selbst die Tränen. Jesus weint mit. Kein Gott, der am Rande sitzt oder am Ende gar noch rechnet: Lazarus irgendwie den Lebenswandel vorrechnet, privat oder kollektiv. Corona ist keine kollektive Strafe oder pädagogische Maßnahme Gottes. Jesus leidet und weint mit. – Wer mit weint, lässt nicht al-lein. Sorgt, dass die Verbände, Geräte, Mullbinden an die richtigen Stellen kommen, dass die Intensivbetten gut geteilt und Menschen verbunden bleiben. Wer weint, verbindet, mit Gott. Jesus weint mit.

Dabei bleibt es nicht. Mitten ins Weinen kommt das Reden. Jesus, Maria, die Freunde tau-schen sich aus, diskutieren, über das Sterben, die Gründe, über den Glauben, wie sie sich den Tod vorstellen, ob etwas danach ist. Auch da braucht es keine besondere Brücke zu heute, wir sind auch da mitten drin in dieser Geschichte. Wir debattieren jetzt offen, öffentlich, wie Le-ben eigentlich sein soll, was dazu gehört, welches Tempo, wie das geht: ohne direkten Kon-takt solidarisch sein. Ja, mit Blick auf den Tod ist viel und neu zu reden über das Leben. Jesus redet mit …

… und er redet rein: Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt er. Ruft Lazarus heraus aus dem Tod, aus dem für ewig fixiert sein. Das ist das vorläufige Ende der Geschichte. Da liegen sie, die Verbände, Mullbinden und Tücher. Er ist aufgestanden und gegangen. Ist es nicht provokant, skandalös, ja fast zynisch, diese Geschichte heute zu erzählen? Wir erleben das ja gerade anders, erleben Sterben täglich. Nicht Jesu Herausrufen, Marias Weinen ist Alltag. Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt Jesus mitten in diese Krise hinein als der, der mit weint, mit leidet, mit stirbt. Der Priester Don Guiseppe Berardelli, der in der letzten Woche seine Atemmaske einem anderen gegeben hat, muss von diesem Jesus beseelt gewesen sein. Von dem Vertrauen, dass Gott ist, auch nach dem Tod. Und dass er das Leben will. Mit uns verbunden. Die Fesseln der Angst gelöst, das falsche Auseinandertreiben in Jung und Alt, wer was bekommt, aufgelöst. Wir sind füreinander da, nicht gegeneinander. Also die Bänder, die heilsam sind: Anrufe bei den Einsamen, Mitmachen beim Nähen der Schutzmasken für alle, die die jetzt brauchen, ein Gospel im Ohr: You raise me up. Du machst mir Mut. Am Ende der Geschichte will er nur das: unser Leben verbinden. Lasst uns gehen zu denen, die uns brau-chen, lasst uns verbunden bleiben, im Bunde, im Bande, im Frieden Gottes. Amen.

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